Unternehmensgründer Julian Nocke im Porträt

Dass die Rückkehr aus einem anderen Kulturkreis für den einen oder anderen Energieschub in der Heimat sorgen kann, erlebt Julian Nocke jeden Tag aufs Neue. Seine fast anderthalbjährige Reise um die Welt wurde zum Nährboden seiner Hamburger Manufaktur. Der 42-jährige „Jack-of-all-trades“ im Porträt zwischen Anhängerfertigung und Nähmaschinenrattern.

Gründung und Aufbau der Firma und Marke „3DOG camping“

„Leicht hügeliges Harzvorland, Dorfidylle statt Großstadt-Takt, mehr Kühe als Einwohner.“ Julian Nocke komprimiert die Kulisse seiner Kindheit und Jugend auf ein paar Schlagworte. Er lehnt entspannt an einem der riesigen Zuschnitttische seiner Hamburger Manufaktur.

140205-naeherei-028Mitarbeiter und Segelmachermeister Ole sitzt an einer der großen Nähmaschinen. Das Auf und Ab der Nadel, bis zu 3.500 Stiche pro Minute, sorgt für die typische Geräuschkulisse der Schwergewebe-Näherei im Obergeschoss. Gerade entsteht ein OffRoader-TrailDog, eine geländetaugliche Variante der Zelt-Anhänger. Es sind die einzigen derartigen Produkte, die vollständig in Deutschland gefertigt werden.

„Die Zelte hier vor Ort zu nähen entspricht unserer Philosophie. Du hast viel mehr Kontrolle über die Qualität, die Risiken sind geringer, du kannst besser planen und wenn einmal etwas nicht läuft, bist du selber schuld. Du kannst den Fehler beheben und ihn in Zukunft vermeiden. Das mag ich.“

sagt Julian. Der 42-Jährige ist Gründer und Inhaber von „3DOG camping“. In den ersten Jahren wurden die Stoffkomponenten der Zelte in Australien in Auftrag gegeben. Mit dem Aufbau einer eigenen Zelt-Näherei für seine Zelt-Anhänger und Autodach-Zelte bindete er einen weiteren Fertigungsbereich in seine Hamburger Manufaktur ein.

Zuvor jedoch sammelt er sehr viel wertvolle Erfahrung in den unterschiedlichsten Bereichen. In der Schule ist er gerne, aber ihn interessiert weit mehr als der starre Lehrplan. Der Aufbau eines professionellen Tonstudios habe ihm damals näher gelegen als das Schulsystem. Zwischen den Abitur-Prüfungen – er darf sie zweimal machen, weil er „noch nicht reif für die Universität“ sei  – steht er zudem auf der Bühne, wird in der Stage School Hamburg aufgenommen, entscheidet sich aber dennoch gegen die Schauspielschule. Eine befreundete Schauspielerin rät ihm damals: „Wenn Du Dir nichts anderes vorstellen kannst, ist Schauspiel der schönste Beruf der Welt – sonst lass lieber die Finger davon.“ Er verbringt seine Zivildienstzeit auf einem Bauspielplatz, einem offenen Freizeitangebot für Kinder zwischen sechs und 13 Jahren. „Wir hatten ohne Ende Holz und Werkzeug, eine ganze Stadt wurde da aufgebaut“, erinnert er sich. Parallel zum Zivildienst fährt er Taxi. „Hätte ich üblichen Pfad gewählt, hätte ich mich vielleicht einfach an der Uni eingeschrieben und weiter Menschen durch Hamburg kutschiert“, sagt er nachdenklich beim Rückblick. Stattdessen gibt er Gas, wird freiberuflicher Foto-Assistent, Bildbearbeiter und Grafiker. Nach fünf Jahren wechselt er ins digitale Fach und arbeitet als Website-Entwickler für Lufthansa und Audi.

Als die Internet-Wirtschaft in Schwierigkeiten kommt, hat er genug von dem Wahnsinn und steigt mit 29 aus. Er befreit sich von unnötigem Ballast, packt ein paar Dinge zusammen und landet wenig später in der Südsee. Nach einigen Wochen geht es weiter über Neuseeland nach Australien – doch das Traveller-Leben reicht ihm nicht. Sein Prinzip:

„Ein Land zu bereisen ist ein schönes Erlebnis, aber wirklich kennenlernen kannst du es erst, wenn du Alltag erfährst. Und Arbeit ist dafür ideal – ich kann nicht tagelang nur am Strand liegen.“

Seine Zeit im Ausland füllt er mit einer Mischung aus Reisen und Jobs, arbeitet als Cowboy, spricht Farmer an, hilft beim Bullen kastrieren und Schafe scheren. Immer wieder begegnen ihm Zelt-Anhänger, die im Australischen Outback sehr verbreitet sind. Er ist fasziniert, will mehr darüber lernen.

In Byron Bay an der Ostküste Australiens stößt er bei der Suche nach geeigneten Firmen auf die Visitenkarte von Ray Grigson. Die Karte besteht aus eben jenem Canvasstoff, den Julian heute in Hamburg verarbeitet. „Ich traf Ray und er sagte, wenn du Arbeit suchst und Schweißen kannst, kannst du gleich anfangen“, beschreibt Julian die erste Begegnung. Das australische Zelt-Unternehmen begeistert ihn ebenso wie die Lebenseinstellung, mit der die Australier das Outback bereisen. Drei Monate arbeitet er als Schweißer, doch die Idee für 3DOG camping sei da längst geboren gewesen, meint Julian.

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Noch vor Ort diskutiert er mit Ray, der zum Freund geworden ist, über eine mögliche Zusammenarbeit. „Der Vertrieb der dortigen Produkte kam nicht in Frage, denn die Voraussetzungen in Australien sind komplett anders als in Europa. Klimatisch, ökonomisch, seitens der Mentalität, … Die Details sind bei uns sehr viel wichtiger, außerdem bekommst du die australischen Anhänger hier gar nicht zugelassen“, sagt Julian auf den Treppenstufen hinunter in die Fertigungshalle. „Zudem wollte ich von Anfang an Kontrolle über die Produkte haben. Ich wollte selbst bestimmen.“

Zurück in Hamburg spürt er, dass hier mehr denn je seine Heimat ist. „Für die Firmengründung war der Ort ideal. Ein gutes Netzwerk, der Hafen, Zulieferer. Dazu die Verbindlichkeit der hanseatischen Art, miteinander zu arbeiten. Man ist sich treu – nicht zuletzt in Geschäftsbeziehungen.“ 18 Monate schreibt er am „telefonbuchdicken Firmenkonzept“. Im Oktober 2005 schließt er erstmals die Tür zu den ersten 200 Quadratmetern seiner jetzigen Manufaktur auf, durch Zufall gemeinsam mit der Bekannten einer Freundin. „Diese Bekannte ist heute meine Frau. Sie war sozusagen ab dem ersten Moment dabei“, sagt Julian, Vater von drei Kindern, und schmunzelt. „Der Aufbau einer solchen Firma ist eine enorme Belastung für das gesamte Umfeld. Ohne diese tolle Frau an meiner Seite wäre es völlig unmöglich gewesen.“ Die ersten Prototypen der Zelte baut er noch im eigenen Garten auf. Jetzt kommt ihm die neue Halle riesig vor. Doch schon bald wird es eng. Die Anhänger stapelt er aus Platznot kurzerhand übereinander. Viele Hürden haben er und sein Team seitdem genommen. „In der Zeit ist auch mal eine dringend benötigte Zeltlieferung bei Karstadt in Leipzig gelandet. Und wir hatten hier dafür deren thailändische Blusen auf der Palette“, erzählt er und lacht.

In der Fertigung montieren Chrille und Mütze gerade das soeben genähte Zelt samt Gestänge auf dem OffRoader. Der Anhänger selbst wird ebenfalls in kompletter Eigenregie hier gefertigt – mit gesamteuropäischer Zulassung als Fahrzeugbauunternehmen. „Aus der Notwendigkeit heraus – wir konnten einfach niemanden finden, der mit unseren geringen Toleranzen arbeiten wollte“, sagt Julian. Er greift spontan in eine Box voller Kederleisten, Aluminiumschienen, die den Zeltabschluss am Unterbau fixieren. „Wir lassen zum Beispiel diese Schnittkanten hier vor dem Eloxieren rund fräsen. Das ist teuer, aber überaus sinnvoll, doch leider nicht selbstverständlich. Wenn man Aluminium schneidet, bekommt man messerscharfe Ecken, die dir dein Zelt aufreißen können.“ Julians Detailverliebtheit kommt zu Tage, er ist nun voll in seinem Element. Das Küchenmodul, eine Kocher-Spüle-Kombi, ist optional in die Anhänger integrierbar und ein weiteres Beispiel seines Engagements: „Wir haben es früher in Süddeutschland fertigen lassen, jetzt machen wir es selber. So können wir schnell und unbürokratisch Dinge verbessern. Einmal, als wir unsere Küchenmodule noch extern in Auftrag gegeben haben, hat mich eine Kreuzschlitzschraube genervt, ich wollte sie durch eine Torx-Variante ersetzen – das war ein riesiger Aufwand. Jetzt setzen wir so etwas einfach selber um. Und ich freue mich über diese kleinen Dinge.“ Manchmal sei diese Liebe zum Detail vielleicht etwas zu viel, an der einen oder anderen Stelle könne man sicher auf kostengünstigere Optionen zurückgreifen, meint er selbstkritisch. „Aber in der Summe führen eben diese Details zur gewünschten Qualität. Ich kann es einfach nicht anders“, sagt er und lacht.

„Einige Basis-Komponenten lassen wir dennoch bei Fachbetrieben fertigen, alle Schweißarbeiten beispielsweise kommen von Spezialisten hier in Hamburg“, beschreibt Julian die aktuelle Situation. Der eigene Standort habe dabei Stück für Stück wachsen können. Zum richtigen Zeitpunkt seien immer wieder angrenzende Räumlichkeiten frei geworden. „Made in Hamburg“ allerdings habe „irre viel“ Energie gekostet. „Wir waren sehr viel mit uns selbst beschäftigt und haben an allen Ecken gebaut.“

In der Ausstellung nebenan demonstriert der 40-Jährige zum Abschluss in Sekundenschnelle den Aufbau des Autodach-Zeltes TopDog. Nicht, ohne dabei etwas außer Puste zu geraten. Das Stahlgestänge steht, über eine Leiter klettert er hoch in den Schlafbereich auf die integrierte Doppelmatratze. Mit derzeit zwölf Mitarbeitern hat sich die Teamstärke zuletzt verdoppelt. Mehr Verantwortung, aber auch mehr Input für Zukünftiges: „Wir haben einen dicken Katalog voller Ideen. Mit Zeichnungen für Produktinnovationen, und ebenso vielem, zu dem uns Kunden inspirierten. Ob an der Ostsee, in Islands Hochland oder irgendwo sonst – sie leben das, was wir hier tagtäglich umsetzen. Da sind kleine Ideen dabei, aber auch komplett neue Entwicklungen.

„Einige unserer Ideen sind vielleicht eher aus der ‚Kategorie Spinnerei‘. Aber ich war schon immer gern offen für alles, was auf mich zukam. Und habe zugepackt, wenn es gut war“, sagt er. Und lässt das Autodach-Zelt wieder unter der Plane verschwinden.

 

Weitere Infos unter www.3DOGcamping.eu